Camino Vorbereitung: Doc Martens, Rabbit-Holes und eine Französin

Illustration von einem Pilger am Schreibtisch mit einem Rucksack auf dem Rücken

Kapitel 1: Die Schuhe

Zum dritten Mal war ich im selben Sportgeschäft, um mir neue Schuhe für den Camino zu kaufen. Die Mitarbeiter kannten mich alle — das bildete ich mir zumindest ein.

"Schau mal: Der Verrückte wieder."

Ich nahm die Abkürzung durch die Damenabteilung und suchte die Schuhe, die ich beim letzten Mal fast gekauft hatte. Sie waren weg. Mein Herz schlug schneller. Ich war geliefert. Für knapp 800 Kilometer auf dem Jakobsweg braucht man gute Schuhe. Panisch suchte ich das Regal ab, auch eine Nummer kleiner und größer — vielleicht hatte sie jemand falsch einsortiert. Nichts. Mein Gehirn schaltete in den Überlebensmodus. Eine alternative Lösung musste her.

Ich scannte nochmal das Regal und dann — da waren sie — eine zweite Hoffnung. Dunkelgraue Trailrunner: wasser- und winddicht. Und das Coolste: Keine Schnürsenkel, sondern dieser Zippverschluss. Ich setzte mich, befreite mich schwitzend aus den Doc Martens und schlüpfte rein.

Eine Zeit lang hatte ich ernsthaft darüber nachgedacht, den Camino mit den Doc Martens zu laufen. Sie sind schick, aus Leder, gute Sohle. Dann erinnerte ich mich, welche Höllenqualen mir diese Stiefel die letzten beiden Winter bereitet hatten. Dicke, ballonförmige Blasen an beiden Fersen, die sich mit Flüssigkeit füllten. Schmerzen bei jedem Schritt. Irgendwann kaufte ich dann im Drogeriemarkt eine Packung DAMENBINDEN und stopfte sie in die Socken. Das brachte nichts und ich versuchte es mit Gel-Pads – negativ. So verbrachten wir den ersten Winter. Das Jahr darauf dasselbe Spiel, bis ich von HIRSCHTALGSALBE hörte. Riecht nach Rentner-Füßen, aber es HILFT. Bis heute hoffe ich jeden Tag aufs Neue, dass sie so bequem wie Hausschuhe sitzen.

"Passen die von der Größe?", fragte der Verkäufer im Sportladen.

"Reicht ein Daumen vorne?"

Er drückte sanft vorne drauf.

"Das passt. Sie müssen sich WOHL fühlen."

Ich drehte eine weitere Runde und beobachtete genau, ob ich mich WOHL fühlte.

"Die nehm ich jetzt", sagte ich stolz zu ihm.

Mit aufrechter Körperhaltung ging ich zur Kasse — ich war glücklich. Ein SIEGER stand hier im Laden.

"Das macht 124,99 Euro", sagte der Verkäufer.

Nachdem ich bezahlt hatte, reichte er sie mir über die Theke.

"VIEL SPASS MIT DEN SCHUHEN", sagte er.

Zuhause stellte ich sie ins Regal. Dann zog ich sie ein paar Minuten später wieder an - Flur rauf und runter.

"Keine Ahnung, ob die passen. Ich probiere sie morgen nochmal."

Kapitel 2: Recherche

Später am Abend öffnete ich hilfesuchend eine Armee von Tabs. Auf X unterhielt ich mich mit einem User über die Camino-Ausrüstung. Er riet mir zu einem leichten Rucksack, unter drei Kilo und spartanischer Garderobe. "Lieber waschen", meinte er. Auf YouTube sah ich einem dabei zu, wie er sein ganzes SETUP präsentierte. Unzählige Dinge, alles hatte seine FUNKTION, ich verlor den Überblick, wollte doch nur laufen. Ich tauchte ein in diese RABBIT HOLES, ein Video nach dem anderen, noch ein Tab. Eventuell wissen die Leute auf Reddit ja mehr?! Perfektion, zwanghafte Suche nach einer Lösung zu keinem Problem. Was darauf folgte: Völlige Prokrastination.

Einen Tag später kreisten die Gedanken frisch erholt weiter um die nächste Komplikation, die Routenplanung. Dieser Part, zu Beginn schon gescheitert, da wollte ich nicht dran. Also informierte ich mich nur zur ersten Etappe. Sehr bald darauf: Informationsverweigerung – ich lasse mich einfach überraschen.

Die Wahrheit: Ich habe Angst, dass mir nach 50 Kilometern von knapp 800 langweilig wird, ich spontan den Weg verlasse und abhaue. Das ist nicht zu weit hergeholt, denn knapp drei Jahre zuvor versuchte ich mich in Portugal das erste Mal am Camino. In Porto regnete es in Dauerschleife. Ich war doch nicht nach Portugal geflogen, um mich im Regen abzurackern. Zurück auf LOS. Nächster Bus nach Lissabon.

Kapitel 3: Der Rucksack

Voller Motivation griff ich nach dem großen Rucksack (den ich auch in Portugal dabeihatte) und stellte ihn auf den Boden. Drei Kilogramm. Konnte nicht so schwer sein. Im Kopf ging ich die Packliste durch, stopfte ein Kleidungsstück nach dem anderen rein, tauschte einige Sachen wieder aus. Brauche ich drei Unterhosen, oder reichen auch zwei? In fast jedem CAMINO-GUIDE wurde MERINO empfohlen. Ich hatte kein MERINO. Also setzte ich mich ins Auto und steuerte einen Decathlon an. Ich suchte die Gänge ab und entdeckte schöne, dicke Socken. Einen Gang weiter gab es T-Shirts aus Merino-Wolle - 50 Euro?! "Pilgern ist ganz schön teuer", dachte ich und nahm die Socken mit zur Kasse.

Einige Tage später wog ich den Rucksack. Schon über drei Kilo, scheiße — wie sollte das denn gehen?! Es waren noch nicht mal ein zweites Paar Schuhe, T-Shirts und Waschzeug drin. Der RUCKSACK allein hatte bestimmt über zwei Kilo! Neues Browser-Tab auf, zur Herstellerseite. 1,25 Kilo hatte er. Nach ein wenig Recherchearbeit fand ich heraus, dass es welche unter 800 Gramm gab. Da könnte ich mir die dritte Unterhose leisten.

Kapitel 4: Die Französin

Mitten im Vorbereitungs-Hype war ich auf Instagram wieder aktiv, weil es außer Zeit nichts kostet. Ich postete einige Bilder auf meinem neuen Profil und erwähnte, dass ich mich auf den Camino vorbereitete. Plötzlich schrieb mir eine Französin.

"Viel Glück für deine Reise"

"Warst du schon mal dort?", antwortete ich.

"Nein, aber ich möchte irgendwann."

Ich dachte mir: "Dann komm doch mit", und löschte es vor dem Absenden.

Uns verbanden wichtige Dinge: Wir hatten beide unsere Jobs verloren und vertrieben uns nun die Zeit mit Fotografie und Schreiben. Ich sah uns (in meiner Fantasie) händchenhaltend den Camino spazieren. Vorbei an Weinhängen und Wäldern, romantische Nächte im Zelt. Scheiße, nein. Das konnte nicht funktionieren. Mein chaotisches Leben braucht dringend Ordnung. Danach kann ich mich um Französinnen kümmern.

Kapitel 5: Körperliche Vorbereitung

Mehrere Leute rieten mir, mich KÖRPERLICH VORZUBEREITEN, zu TRAINIEREN.

"Nimm das nicht auf die leichte Schulter!", hörte ich zum Beispiel.

Womöglich hatten sie ja recht. Also überlegte ich mir, welche Sportart am besten geeignet sei. Im Fernsehen sah ich manchmal diese NINJA WARRIOR. Oder wie wäre es mit PARKOUR? Schnell oldskool gegoogelt, fand eine Adresse beim Olympia-Park München und fuhr hin. Vom Eingangsbereich aus sah man in die Halle — Seile, Ringe, Mauern, Geländer, Hindernisse. Daneben eine riesige Kletterwand, an der sich eine Gruppe Irrer abmühte.

"Wie kann ich Ihnen helfen?", sagte die Frau an der Theke.

"Bieten Sie Kurse an?"

"Ja, immer montags." Sie reichte mir einen Flyer. Scheiße, ich hatte darauf gehofft, dass sie nein sagt, und ich ohne schlechtes Gewissen wieder gehen kann. Ich hatte keine Lust, mich vorzubereiten. Denn je besser ich vorbereitet bin, desto mehr fühle ich mich verpflichtet, den ganzen Weg zu gehen. Ich weiß nicht, ob ich das kann.

"Super, danke", sagte ich und beobachtete das Spektakel in der Halle eine Weile.

Auf dem Weg zurück zur U-Bahn ließ ich mir das alles nochmal durch den Kopf gehen und fragte mich: Kann man den Camino auch im Gips gehen? Plan B: Vielleicht lieber Schwimmen. Außerdem gehe ich jeden Tag mit dem Hund im Wald spazieren, das sollte reichen.

Kapitel 6: Umwege

Zu meiner Vorbereitung zählt auch eine gemütliche Anreise. Ich hasse Zeitdruck. Dadurch schiebe ich den Camino eine Woche vor mir her. Paris, Bayonne, Biarritz, DANN bereit für Saint-Jean-Pied-de-Port — Abfahrt. Ein bisschen Hemingway-Romantik gönne ich mir. Statt im Hotel Ritz schlafe ich zur Gewöhnung im Hostel (für 60 Euro!). Quasi als Versuchsballon für die Albergues. Nur um zu schauen, ob ich zu laut schnarche und ob ich mir das Badezimmer mit sieben anderen teilen kann. Nach drei Wochen intensiver Recherche fand ich ein günstiges Airbnb am Canal Saint-Martin, das ich gegen die Idee mit dem Hostel eintauschte.

Kapitel 7: Fazit

In wenigen Wochen geht die Reise los. Ich habe keine Ahnung, ob die Schuhe die richtigen sind oder wie ich den Rucksack packen soll. Es wird schwer sein, NICHT nach Lissabon abzuhauen oder zu versuchen, mit einer Französin durchzubrennen. Mir graut es vor überfüllten Albergues, fremden Menschen, fehlender Privatsphäre. Aber ich habe ZU vielen Leuten davon erzählt, was ich vorhabe. Vielleicht ist das der Druck, den ich brauche.

Die Hirschtalgsalbe liegt bereit.
Die Schuhe haben einen Zippverschluss.
Und ich fürchte mich davor, dass dieser Weg nichts verändert.
Dass alles genauso bleibt wie vorher.