Die Stiere in Madrid

Ein Kampfstier stößt den Picador samt Pferd um – Las Ventas, Madrid, 2026

Auf dem Weg zur Arena bin ich nervöser als vor einem Date. Mein Herz schlägt schnell und der Schweiß läuft mir den Nacken runter. Keine Ahnung, ob ich den Abend je bereuen werde. Es ist kurz vor sechs Uhr abends und der Einlass beginnt in ein paar Minuten. Vor mir geht ein älterer Herr in Hemd und Jeans. Er sieht aus wie ein Stierkampfkenner. Ich bleibe an ihm dran. Nach ungefähr einem Kilometer biegen wir links ab. Die Bars sind voll, man kommt kaum durch. Der ältere Mann überquert die Straße und ich verliere ihn in der Masse. Oben an den Treppen, die zum großen Vorplatz der Arena führen, bleibe ich für einen Moment stehen und sehe zum ersten Mal Las Ventas – die größte Stierkampfarena Spaniens. Sie sieht aus wie eine Mischung aus Festung und Kirche, eingeschlossen in einer runden Backsteinmauer mit Türmen und Galerien.

Mein Platz ist im Bereich Tendido 9 – Andanada. Es ist einer der billigeren Plätze, liegt aber im Schatten. Auf der Suche nach den Treppen fängt mich eine junge Frau ab, die mir ein Kissen in die Hand drückt.

„Brauchst du ein Sitzkissen? Die Steinbänke sind unbequem.“

„Wie viel bekommst du?“

„Eins fünfzig.“

Ich gebe ihr zwei Euro, hole mein Ticket raus und frage: „Wo finde ich diesen Platz?“

„Du gehst bis zur Neun und dann in den zweiten Stock.“

Das Stadion ist noch fast leer. Drei Reihen schräg links unter mir sitzt ein Mann mit einem karierten Jackett, Brille und einem kurzen, weißen Bart. Er sieht aus wie ein Professor.

„Ist das Reihe vier?“, frage ich ihn, da mir die Nummerierung seltsam vorkommt.

„Eins, zwei, drei, vier. Ist okay.“

Links hinter mir sitzt ein älteres spanisches Ehepaar, das vermutlich schon seit Jahren hierherkommt. Die Leute scheinen sich zu kennen. Sie begrüßen sich und tauschen ein paar Sätze aus.

Zwei Männer bewässern die Arena, ähnlich wie beim Tennis. Dann ziehen sie die zwei äußeren Kreise mit einer Kreidemaschine nach. Die Sonne ist so aggressiv, dass der Sand nicht lange feucht bleibt. Ungefähr die Hälfte der Arena ist im Schatten. Ich sitze ganz oben in einer Art überdachten Tribüne. Von hier aus hat man eine gute Übersicht.

Die Bänke füllen sich. Ganz vorne am Geländer hocken mehrere junge Männer und essen Sonnenblumenkerne. Um Punkt sieben ertönt das Horn. Reiter und Toreros zu Fuß betreten die Arena. Das Publikum applaudiert. Ich bin so aufgeregt, dass ich nicht still sitzen kann.

Und dann ist es so weit: Der erste Stier galoppiert rein. Sein Name ist Levítico. Er hat eine schmale Taille, breite, muskulöse Schultern, einen kräftigen Nacken und große, spitze Hörner. Mit seinen 535 Kilogramm bewegt er sich so elegant und stolz wie ein Star. Noch nie habe ich so etwas Lebendiges wie diesen Stier gesehen. Er ist ein Toro Bravo – ein spanischer Kampfstier.

Mehrere Männer treiben ihn durch den Sand. Sie locken ihn abwechselnd mit dem Capote, einem rosa-gelben Tuch. Wenn er zu nahe kommt, dann verstecken sie sich hinter einer Schutzwand, bis ein anderer übernimmt. Der Stier hat viel Energie und geht mit den Hörnern voraus durch die Tücher.

Heute findet eine Novillada con Picadores statt. Es werden Jungstiere im Alter von drei bis vier Jahren von Novilleros bekämpft – das sind Nachwuchs-Matadore.

Die sechs Stierkämpfe an diesem Abend verschwimmen für mich zu einem einzigen, blutigen Rausch. Deshalb schildere ich nun den Ablauf eines Kampfes, so wie ich ihn in Erinnerung habe.

Tercio de Varas

Das Horn ertönt und zwei Reiter mit je einer Lanze, der Pica, betreten den Ring. Die Pferde sind rundum gepanzert und ihre Augen sind verbunden. Der Picador schreit dem Stier zu, sodass er mit den Hörnern auf ihn und sein Pferd losgeht. Er trifft das Pferd so heftig von der Seite, dass es umfällt. Wegen der Panzerung hat es Schwierigkeiten, von alleine aufzustehen. Sofort wird der Stier weggetrieben. Es kommen mehrere Männer zu Hilfe und stellen das Pferd zurück auf die Beine. Der Picador steigt auf und konzentriert sich wieder auf seine Aufgabe. Von oben sticht er die Pica in den Nacken des Stiers. Blut läuft an der Seite runter. Sie bleibt vielleicht sieben oder zehn Sekunden stecken, aber der Stier drückt weiter. Er lässt sich nicht abbringen. Meine Nackenmuskeln verspannen sich und tun weh. Ich sitze angespannt und verkrampft auf meinem Sitzkissen und starre auf das Tier. Adrenalin durchströmt meinen ganzen Körper, fast so, als durchbohre die Lanze gerade meinen eigenen Nacken. Die Arena tobt und pfeift. Drei weitere Akteure betreten nacheinander den Ring.

Tercio de Banderillas

Jeder von ihnen hat zwei bunte Spieße mit Widerhaken in der Hand. Der erste stellt sich in die Mitte, ruft dem Stier zu und hebt die Spieße vor sich über seinen Kopf. Kurz bevor er von den Hörnern erwischt wird, beugt er sich von vorne über das Tier und steckt ihm die Widerhaken in den Nacken. Der Stier stoppt, sobald die Banderillas stecken. Das Publikum applaudiert. Der zweite Banderillero ruft dem Stier zu. Er trifft nicht so gut wie der erste und nur eine Banderilla bleibt drin. Der dritte schafft es wieder, beide ins Fleisch zu stecken. Blut. Der Stier wirkt nun nervöser und gereizter. Das Horn ertönt, das letzte Drittel dieses Stiers beginnt.

Tercio de Muerte

Der 25-jährige Novillero betritt die Arena. Sein Stier steht ihm gegenüber und scharrt mit den Hufen. Er sieht ihm direkt in die Augen. Spektakulär leitet er das Tier mit der Muleta, dem roten Tuch, ganz nah an sich vorbei. Die Hörner sind nur wenige Zentimeter vom Bein entfernt. Kurz darauf holt er den Estoque, den Degen, und hält ihn hoch über den Kopf, die Spitze auf den Stier gerichtet. Die Arena verstummt – hält den Atem an.

„Ah-hey!“

Er stößt den Estoque sauber zwischen den Schultern bis zum Anschlag, weshalb das gewaltige Tier innehält. Blut läuft aus dem Maul. Der Stier geht in die Knie. Applaus.

Ein Gespann aus drei Maultieren trabt rein und hängt das tote Tier an. Mehrere Männer, die mich an Totengräber erinnern, schaufeln Sand über die Lache am Boden. Der Ring ist bereit für den nächsten Stier.

In der Arena herrscht nun ein endgültiger Ausnahmezustand, ein Rausch, ein Exzess, ein Abend. Alle Aufmerksamkeit gilt dem Geschehen im Ring. Hypnotisch verfolge ich, was passiert. Der Ablauf ist immer derselbe. Pausen gibt es nicht. Heute Abend wollen sich drei Novilleros – Nachwuchstalente im Alter von achtzehn, neunzehn und fünfundzwanzig Jahren – beweisen. Jeder von ihnen bekämpft zwei Stiere.

Auf die Hörner genommen

Für den fünften Stier des Abends namens Rebueno betritt der 19-jährige Novillero Mario Vilau die Arena. Goldene Verzierungen sind auf seinem weißen, traditionellen Anzug. Er sieht dem Stier tief in die Augen und lässt ihn immer wieder ganz nah an seinem Bein passieren. Rechts rum, links rum. Bis er das gewaltige Tier zu nahe an sich heranlässt. Denn plötzlich wird der Novillero aufgespießt. Ein Horn bohrt sich in seinen linken Oberschenkel und er prallt mit dem Gesicht auf dem blutenden Nacken des Stiers auf. Die Spanier um mich herum reagieren empört, erschrocken. Ich blicke wieder zum Novillero. Seine rechte Gesichtshälfte ist blutverschmiert. Am Oberschenkel läuft sein eigenes Blut heraus. Ihm wird ein Tourniquet am Bein angelegt, nachdem der Stier von ihm ablässt. Fokussiert nimmt er den Estoque, um den Kampf zu beenden. Er tötet den Stier mit einem sauberen Stoß. Das Tier geht zu Boden. Blut läuft aus dem Maul. Der Novillero humpelt zum Tor. Standing Ovations.

Im Arztbericht steht später, dass das Horn des Stiers dem Novillero eine fünfzehn Zentimeter lange Wunde zugefügt hat. Er wird noch auf der Krankenstation von Las Ventas unter Vollnarkose operiert.

Auf dem Heimweg ist es bereits dunkel. Die warme Sommerluft und der leichte Wind tun gut nach all dem Geschrei und der Gewalt. In derselben Nacht kaufe ich ein Ticket für den darauffolgenden Abend. Ich bin fasziniert, kann aber noch nicht sagen, wovon.

Der zweite Abend

Um kurz vor sechs gehe ich wieder die Straße runter zur Arena. Ich bin so nervös wie am vorherigen Abend. Das Stadion ist fast voll und ich sitze auf der Tribüne im ersten Stock. Heute findet eine Corrida de Toros statt – ausgewachsene Stiere, voll ausgebildete Matadore.

Als um sieben das Horn bläst, sitze ich eingeklemmt zwischen Einheimischen. Vor mir hockt ein Herr mit breitem Kreuz, hinter mir ein etwas jüngerer Mann. Ich kann mich nicht mal zurücklehnen. Links von mir ist ein Spanier. Er ist vielleicht Ende fünfzig und von Anfang an kommentiert er das Geschehen. Ab diesem Zeitpunkt habe ich kein Zeitgefühl mehr. Meine Erinnerungen verschwimmen. Keine Chance, die Eindrücke zu bändigen.

Der Stier trabt in die Arena. Er bleibt stehen. Mit viel Aufwand lockt ihn ein Torero mit dem Capote. Danach versucht der Picador, die Pica zu platzieren. Erfolglos. Nach einigen Versuchen rammt er sie ihm mit Gewalt in den Nacken und drückt nach, sodass das Blut stark aus der Wunde fließt. Dann nochmal. Das Publikum pfeift und tobt. Meine Muskeln verkrampfen sich und mein Kreislauf macht mir kurz zu schaffen. Als die Banderilleros auftauchen, erwische ich mich dabei, mir vorzustellen, wie sie vom Stier auf die Hörner genommen werden.

Als der Matador auftaucht, bringt er das Tier krampfhaft zu ein paar Figuren. Er nimmt emotionslos den 90 Zentimeter langen Degen. Der Stier steht nur da und atmet schwer. Und der erste Versuch, den Degen zwischen die Schulterblätter zu stecken, geht schief. Vermutlich erwischt er den Knochen, denn der Degen geht nicht rein. Die spitze Waffe fällt zu Boden. Bei Versuch Nummer zwei dasselbe. Drei. Vier. Der Mann neben mir ist außer sich und schreit in die Menge. Dann endlich steckt der Degen. Doch das Tier bleibt stehen und sieht seinem Feind in die Augen.

Es braucht noch ein oder zwei weitere Stöße mit dem Estoque, damit er zu Boden geht, aber der Tod tritt noch nicht ein. Wie ich bei den vorherigen Stieren gelernt habe, ist der Augenblick des Todes nur ein ganz kurzer. Kürzer als ein Wimpernschlag. Ein Puntillero kommt mit einem Dolch und sticht hinter dem Kopf ins Rückenmark. Nichts passiert. Er sticht ein zweites Mal. Nichts. Sie bringen den Stier zum Aufstehen und versuchen, ihn zu bewegen. Noch ein Stich. Nichts. Noch einer – der Kopf dreht sich zur Seite und in einem Augenblick verwandelt sich das lebendige Tier in eine leblose Hülle. Die Muskeln erschlaffen. Das Leben in seinen Augen erlischt.

„Muy mal. Muy mal“, sagt der Spanier links neben mir.

Der Mann mit dem breiten Kreuz nickt.

„Very, very bad.“

Auf der Spur der Stiere

Zwei Tage später nehme ich einen Schnellzug an die Küste von Málaga und fahre weiter nach Ronda. Dort gibt es eine Stierzucht und ich möchte sehen, wo die Tiere aufwachsen.

Von außen sieht das Reservatauro aus wie ein großer Gutshof. Die Stiere, die ich in Madrid sah, stammen nicht von hier. Wie sich herausstellt, gibt es heute nur noch eine Führung auf Französisch. Unsere Gruppenleiterin drückt mir einen Audioguide auf Deutsch in die Hand, den ich mir nach einer kurzen Auseinandersetzung damit an die Hose stecke und ausgeschaltet lasse. Mit mir sind zwei Spanier und vier Franzosen auf der Tour. Zuerst werden wir in eine kleine Arena geführt. Dort sollen die Stiere – soweit ich es verstehe – danach beurteilt werden, ob sie für den Kampf geeignet sind. Daneben befindet sich ein Pferdestall und so eine Art Spa. Sie erklärt uns, dass die Tiere dort geduscht werden.

Über den Hof fährt ein Spanier mit einem Pick-up und einem langen, an den Seiten geöffneten Anhängerwagen auf uns zu. Wir steigen ein und er fährt los. Auf der rechten Seite sehen wir ausgewachsene Stiere, die gerade unter Bäumen Schatten suchen und fressen. Daneben weiden große Pferde, die später von den Picadores geritten werden. Sie erklärt uns, dass sie besonders groß und stark sein müssen, damit sie die Wucht des Stiers aushalten können. Und so fahren wir durch das Paradies der Tiere. Wir kommen ganz nah an Rindern vorbei, deren Hörner schief gewachsen sind. Ihr Geruch erinnert mich an den Viehtransporter, den ich tagsüber vor der Arena in Madrid entdeckte.

Der Fahrer bremst und der Hänger macht einen lauten Ruck. Wir bleiben stehen. Ich nutze die Chance, um auszusteigen. Ganz vorsichtig gehe ich zum Tor, hinter dem sich Stiere und Kälber befinden. Die älteren Tiere fressen weiter hinten im Schatten, aber ein Kalb bemerkt mich und wirkt neugierig. Es sieht mich an und kommt auf mich zu. Ich gehe ganz nah an das Tor und bleibe stehen. Es kommt zu mir, scheint Spaß daran zu haben und lässt sich fotografieren. Fliegen sitzen um seine Augen.

Links von mir stehen die anderen Besucher am Zaun und ein Schwein versucht zu ihnen durchzukommen. Der Fahrer scheucht es zurück. Alle lachen und haben Spaß. Ich verabschiede mich vom kleinen Kalb und steige in den Wagen. Solange es geht, sehe ich es an.

Mein Hotel befindet sich neben der Stierkampfarena von Ronda. Der Besitzer begrüßt mich sehr freundlich und führt mich auf einer Karte durch seine Stadt. Das ganze Wochenende wird hier ein mittelalterliches Fest gefeiert.

Am liebsten gehe ich im gegenüberliegenden Park spazieren. Der Blick auf das Tal und die Berge erinnert mich an einen alten Westernfilm. Ich setze mich auf eine Mauer und vor mir liegt eine knapp hundert Meter tiefe Schlucht. Zum ersten Mal seit Wochen fühle ich mich nicht mehr von irgendwas getrieben. Ich denke oft an die beiden Abende in Las Ventas und daran, wie ich der Spur der Stiere durch Spanien gefolgt bin. Ich habe mehrere Arenen besucht und ich verstehe nicht, weshalb die Stiere getötet werden. Aber ich muss ehrlich sein: Irgendwas hat mich fasziniert. Aber was ist „es“? Lange denke ich darüber nach, aber noch finde ich keine Antwort darauf. Was mir bleibt, ist die Erinnerung an den Toro Bravo und seine Lebendigkeit. An seinen Wunsch zu leben.