Memo aus Burgos: Hippieland #4

El Cataro posiert mit einer Muschel kurz vor Burgos

Ich sitze morgens um halb 10 auf dem Klo in einem Hostel, habe ein Einzelzimmer. Mittlerweile kundschafte ich regelmäßig die Tagesetappe aus — mich interessieren Kilometer, Höhenmeter, Wetter, Supermärkte und Wasserbrunnen. Ich bin fast fertig, da hämmert es an der Tür. Ich mache auf. Der Besitzer sieht mich erschrocken an, hat sich womöglich an der Tür geirrt.

„Hola, 10 ok?“, frage ich.
„Hola, 10 ok. Sorry.“

Ich schließe die Türe und mache mich weiter an die Arbeit. 

Solange ich beschäftigt bin, kann ich die Zweifel verdrängen. Die große Erleuchtung hatte ich bisher nicht. Vielleicht ist dieses Versprechen nur Marketing und ich jage etwas nach, das ich mir nicht leisten kann oder gar nicht möchte. Was sollte ich auf die Frage „Wie geht es beruflich mit Ihnen weiter?“ denn antworten? 

Einige Kilometer vor Burgos treffe ich auf eine Oase. Ich nenne sie so. Das sind improvisierte Raststellen für Pilger, irgendwo in der Pampa. Diese hier besteht aus einem alten Kombi, Klapptischen und El Cataro. El Cataro trägt einen Umhang, hört Musik aus den 70ern und verkauft Kaffee, Cola und seine Kunst.

„Woher kommst du?“, fragt er mich.

„Aus Deutschland“, antworte ich.

„Heute sind schon viele Deutsche hier gewesen“, sagt er.

„Hab noch keinen getroffen“

„Manchmal interviewe ich Pilger für Instagram“

Eine Gruppe holländischer Frauen kommt an die Oase.

„Danke, dass ihr mein Land besucht. Hier, nehmt eine Erdbeere, ist ein Geschenk“, sagt er.

Die Frauen kaufen einen Kaffee und gehen weiter, El Cataro setzt sich zum Abschied eine Clownsnase auf. Ich lutsche an meiner Erdbeere.

„Kann ich eine Cola haben?“, frage ich.

„Ja natürlich! Hast du schon mein mentales Problem gesehen?“, er zeigt auf seine Kunstwerke — Bilder, bemalte Muscheln, Schmuck. Schöne Stücke. Doch ich kann mich nicht darauf konzentrieren. Ich möchte ihn fragen, ob ich ihn fotografieren darf und bin nervös.

„Kann ich ein Foto von dir machen?“, frage ich schließlich.

„Sicher, aber mit meiner Kunst drauf!“

Er setzt seine Clownsnase auf und posiert mit einer Muschel in der Hand für mich.

Am Nachmittag zeigt mir Estrella ihr Hostel, es ist ein altes Haus mit Kamin, eine Mischung aus Berghütte und Irish Pub. Auf meinem Zimmer sind Räucherstäbchen.

Ein Vogel kackt auf meinen Pullover, der frisch gewaschen an der Wäscheleine hängt. Ich wasche ihn nochmal und helfe Dana dann den Tisch zu decken. Eigentlich fülle ich nur die Krüge voller Wasser und unterhalte mich mit einem Deutschen. Er ist 78 und zieht seinen Rucksack mit einem Wägelchen, das er mit einem Gurt um die Hüfte schnallt. Er demonstriert es mir.

Zum Abendessen sitzen wir alle an einer großen Tafel.

„Welche Länder sind hier vertreten? Ich komme aus Australien und bin seit kurzem im Ruhestand“, sagt der Mann gegenüber.

„USA, Miami“, sagt ein älterer Mann.

„Frankreich“, zwei Frauen.

„Belgien“ zwei weitere.

„Holland“

„Kanada“

„Auch aus den USA“

„Deutschland“, sage ich und der Landsmann neben mir.

„Süd-Korea“

Das Essen holen wir in der Küche ab. Zur Vorspeise gibt es Kürbissuppe.

„Wie viel möchtest du, Michael?“, fragt Estrella.

Mit einer Handbewegung deute ich an, dass sie vollmachen soll. Als Hauptgang folgen Gnocchi mit Fleisch. Es riecht und schmeckt hervorragend, viel Zwiebeln und etwas Knoblauch. Zum Glück bietet sie mir eine zweite Portion an, ich habe seit Tagen nichts warmes gegessen. 

Wenig später wird es draußen dunkel, mehrere Leute sitzen am Kamin, eine Frau spielt Gitarre und singt dazu. Der Deutsche sitzt neben ihr, sieht sie gespannt an. Ich gehe aufs Zimmer und lege die Beine hoch.

„Guten Morgen, Michael — wie hast du geschlafen?“, fragt Dana um kurz nach halb acht.

„Gut, aber ich bin noch müde, du? Kannst du mir ein Sandwich machen?“

„Geht mir genau wie dir, willst du Oregano drauf?“

„Nein, ich weiß nicht, was das ist.“

Sie lacht. „Das kommt zum Beispiel auf Pizza drauf — hier riech mal.“

„Hmm, lieber ohne“, sage ich.

Sie packt das Sandwich in Alufolie ein und überreicht es mir. Es ist warm.

„Freut mich, dass du hier warst“, sagt sie.

„Danke für das gute Essen.“

Zum Abschied umarmen wir uns. Ich drehe mich nochmal um und sage „Das Geld für die Waschmaschine habe ich in die Schale gelegt.“

„Vielen Dank“, sagt sie und lächelt mich an.

Ich erwidere ihr Lächeln, öffne die Tür und mache mich auf den Weg.

Die Sonne geht auf. Ich erreiche ein Plateau mit einem großen Kreuz. Es ist still — bis auf den Wind und die Vögel. Ich esse das Sandwich, es ist noch etwas warm. Beim Abstieg weht mir der Wind unter die Arme. Ich strecke sie aus — und fliege.