Memo aus Sarria: Taxifahrer und Luxuspilger #6
Irgendwo in den Weinbergen — knapp 70 Kilometer vor Sarria — würge ich, aber es kommt nur Spucke. Ich wische mir mit der Hand über den Mund und bleibe stehen. Es ist schon nach 17 Uhr, ich bin heute einer der Letzten, die noch unterwegs sind. Dieser beschissene Rucksack macht mir zu schaffen, er möchte mich zum Aufgeben zwingen. 600 Kilometer weit hab‘ ich ihn bewegt, die Beziehung ist nun zu Ende — ich muss ihn loswerden, bevor er mich umbringt.
Ich erinnere mich an das Gespräch mit Christl und Susanne, die ich vor drei Tagen kennengelernt habe. Wir waren zufällig den zweiten Tag hintereinander zusammen beim Abendessen in einer Unterkunft, irgendwo in einer bergigen Region mit alten Steinhäusern.
„Sag mal Michael, schleppst du die ganze Zeit deinen Rucksack mit?“, fragt Christl.
„Ja, seit Anfang an.“
„Unsere Rucksäcke sind auch schwer und wir haben uns entschlossen, den Gepäckservice zu nutzen. Kannst du dir ja mal überlegen.“
Wieder aus meinem Tagtraum aufgewacht, laufe ich weiter durch die Weinhänge. Oben angekommen würgt es mich ein zweites Mal. Ich schleppe mich durch die kleine Stadt „Villafranca del Bierzo“ zu meiner Unterkunft und lasse mir an der Rezeption einen Schein für das Rucksack-Taxi geben.
Es ist ganz einfach: Man nimmt das Couvert, schreibt seinen Namen und die Telefonnummer drauf, dann wo das Teil hin soll, legt je nach Region zwischen fünf und acht Euro rein und stellt den Rucksack in den Flur.
Am nächsten Morgen fühlt es sich gut an, den Rucksack los zu sein. Ich grüße alle Leute mit einem Lächeln, gehe wieder aufrecht und kann ihnen in die Augen sehen. Für sechs Euro habe ich mir heute Glück gekauft — der Camino ist Pay-to-Win.
Meinem Zeh geht es ganz ok, der Arzt hatte Unrecht. Solange ich ihn nicht versuche zu biegen, tut er nicht weh. Habe katastrophisiert. Mit meinen Nordic-Walking-Stöcken erreiche ich Höchstgeschwindigkeit — in einem Dorf sehe ich Christl und Susanne in einem Café, ich winke ihnen zu und rufe „Buen Camino!“ — sie freuen sich und ich mich auch und bin dann auch schon wieder weg, keine Zeit mehr für große Pausen.
Kurz darauf sehe ich vor mir eine alte Dame, die einen Müllbeutel zur Tonne bringt. Sie öffnet den Deckel, ihr Stock fällt um. Aber keine Sorge, ich bin schon da und helfe gerne! Ich hebe den Stock vom Boden auf und überreiche ihn, sie sagt „Gracias“ und ich „De nada“, spreche fließend Spanisch seit heute Morgen. Herrlich ohne Rucksack, mir geht es super und ganz nebenbei habe ich Zeit, die Welt zu retten.
Kurz darauf erreichen mich die nächsten Hilfsbedürftigen, sie wollen wissen, wo eine Bar ist, sie waren einen parallelen Weg gelaufen. „Keine Ahnung“, sage ich zunächst. Doch dann denke ich mir: Hab doch ein bisschen mehr Selbstvertrauen und korrigiere „200 Meter auf der rechten Seite“. Sie bedanken sich und mir fällt auf, dass es vielleicht auch auf der linken Seite war und zwei Kilometer. Muss mich erst daran gewöhnen, denn bisher wurde ich meist nur gefragt, ob bei mir alles ok sei.
Und so verbringe ich die nächsten Tage auf der Überholspur, bis das Wetter abwechselnd warm, dann wieder kalt ist. Ich schwitze, ich friere. In den Unterkünften ist die Heizung aus, ich schlafe mit langer Unterhose und Pullover. Und dann komme ich in Sarria an und bin krank. Habe die restlichen fünf Etappen bereits vorgebucht, da ich mit einer sehr hohen Auslastung der Unterkünfte rechne. Umbuchen? Keine Ahnung, wie leicht das geht. Noch 113 Kilometer bis nach Santiago.