Memo aus León: Der Zerfall #5
„Ich hab hier ein Zimmer reserviert.“
An ihrem Blick kann ich schwer erkennen, was sie denkt. Vermutlich spürt sie so etwas wie Ekel, denn ich bin nass geschwitzt — es ging bergauf und es ist heiß — und ich bin mir sicher, dass ich stinke.
„Kommen Sie bitte rein“, sagt die Frau.
Sie trägt eine Bluse zusammen mit einer schicken Hose — Haare und Make-up sitzen perfekt. Sie wird so 50 sein. Überraschenderweise darf ich die Schuhe anbehalten. Sie führt mich durch die Villa — ein großes, helles Wohnzimmer mit Veranda und Blick über den kleinen Ort und den gegenüberliegenden Hügel — dahinter irgendwo die Stadt León. Auf einer Seite des Raums führt eine steinerne Treppe runter in den Weinkeller. Mein Zimmer ist im ersten Stock, auch mit Ausblick auf den Hügel. Der Parkettboden knarzt während wir das Zimmer betreten, das Bett ist groß und hat ein Eisengestell.
Sie zeigt mir das Zimmer, dann sagt sie „Ich wünsche Ihnen einen schönen Aufenthalt“, und schließt die Türe hinter sich.
Die Dusche ist durch Glasbausteine vom Rest des Zimmers getrennt. Ich wasche den Schmutz und die Sonnencreme ab und bereite mein Picknick vor. Diesmal habe ich ein schlechtes Gewissen dabei, denn es kann ab und an eine Sauerei werden. Ich breite im Bett ein kleines Handtuch aus und stelle rings um mich herum Brot, Leberwurst, Schinken und Lachs. Dazu gibt es eine Cola Zero.
Es ist ruhig im Haus, bei offenem Fenster liege ich den Rest des Tages im Bett, schaue die neueste Folge von ’THE RACE‘ Staffel 3, lese, schreibe mein Tagebuch und verlasse das Zimmer bis zum nächsten Tag nicht mehr.
Der Wecker klingelt um sieben, ich packe meinen Rucksack und komme auf die Idee, mich etwas zu dehnen. Hab ich irgendwo mal gehört, dass das vor dem Wandern gut sein soll.
Ich stelle mich mitten in den Raum, kann zum Fenster raussehen, ziehe mit dem rechten Arm das rechte Bein zum Gesäß, anschließend mit dem linken Arm das linke Bein, halte nun das Handy in der anderen Hand und schaue ein YouTube Video.
Dann passiert es — ich verliere das Gleichgewicht.
ZACK — AuUUUUUUUUU!!!
Leck mich am Arsch, WAS WAR DAS DENN?!
Ich halte mich am Stuhl fest, bis der Schmerz im linken Fuß nachlässt. Mein Zeh neben dem großen Zeh, der lange, ist ganz rot und schwillt an — habe ihn an der Kante des Stuhls gestoßen. Etwas Hirschtalgsalbe drauf, Socken an und ich versuche zu vergessen, was gerade passiert ist.
Unten in der Villa scheint keiner mehr da zu sein, ich lege die Schlüssel auf den Tresen und ziehe die Tür hinter mir zu. Wenig später überquere ich den Hügel, auf der anderen Seite geht es kilometerweit geradeaus durch Weinfelder, bis ich irgendwann einen Fluss mit einem kleinen Steg erreiche und den Schmerz am linken Fuß bemerke.
Welche Lösungen gibt es zu diesem Problem? Für einige Minuten denke ich an Amputation. Es ist nicht die beste Option, aber immerhin schon mal eine. Aus Streichhölzern könnte ich eine kleine Schiene um den Zeh bauen und mit Klebeband und Mullbinde befestigen, falls er gebrochen ist. Sicher hockt auch ein Arzt in einem der nächsten Dörfer — habe heute ein kleines Arzthäuschen gesehen. Aber wenn ich Pech habe, dann lande ich bei einem Arzt, der weder Arzt noch Spanier ist. In meinen Gedanken spreche ich mit ihm, um eine Entscheidung treffen zu können.
„Guten Tag, mein Zeh tut weh.“
„Eieiei, wie ist das denn passiert?“
„Nun ja, also heute Morgen habe ich mich gedehnt, wie man das eben so macht als Pilger, der viel Wert auf schmerzfreies Wandern legt.“ Dann würde ich ihm den Vorfall schildern.
„Da wundert mich nichts mehr. Das geschieht Ihnen recht — ein Pilger hat nicht den ganzen Tag am Handy rumzuspielen!“
Dann würde er meinen Rucksack entdecken.
„Wie viel wiegt Ihr Rucksack?“
„So 12 Kilo ohne Verpflegung.“
„Aha, da haben wir’s. Das sind sieben ganze Kilogramm über dem empfohlenen Idealgewicht. Was haben Sie denn alles dabei?“
Keine Ahnung, warum der so schwer ist, hab’s versucht mit den fünf Kilo. Könnte es jetzt mit etwas Humor versuchen.
„Meine PlayStation, falls GTA 6 spontan rauskommt.“
„Sie sind ja noch dusseliger, als ich anfangs vermutet hatte. Wissen Sie denn, welcher Gefahr Sie sich mit solch einem schweren Rucksack aussetzen? Das gleicht einem Lauf durch ein Minenfeld — EIN falscher Schritt, und KNACK da ist der Knochen sofort ab. Wollen Sie das?“
“Nein, ich denke nicht.“
„Lassen Sie mich mal gucken. Tut das weh?“ Er bewegt den Zeh.
„Natürlich tut das weh — deswegen bin ich hier.“
„Also der ist eventuell gebrochen.“
„Eventuell?“
„Eventuell, ja. Vielleicht auch nicht. Sie sollten so auf keinen Fall weiterlaufen.“
„Was soll ich denn sonst tun?“
„Ruhe für ein paar Tage, oder Wochen. Sie können hier bei mir bleiben und meiner Sekte beitreten. Und wenn Sie alles tun, was ich sage und mir Ihr Geld geben, dann erfüllt Gott all Ihre Wünsche.“
„Sie halten sich also für den Erlöser und machen ein Geschäft daraus.“
„Äh, wie kommen Sie denn da drauf?“
„Sind Sie überhaupt ein richtiger Arzt?“
„Jetzt hören Sie mal, ich habe einen erste Hilfe Kurs gemacht und behandle seit Jahren Pilger wie Sie.“
„Pilger wie mich?“
„Haben Sie eine Frau?“
„Sehen Sie hier eine?“
„Wenigstens einen Job?“
„Ich bin zur Zeit als Pilger beschäftigt.“
„Also arbeitslos. Mein Angebot steht noch, Sie können für mich arbeiten.“
„Auf Ihre Hilfe kann ich verzichten. Und Gott werde ich wo anders finden.“
Ein Arztbesuch kommt also nicht in Frage, ich beobachte das Ganze mal die Tage. Es sind noch ungefähr 300 Kilometer bis nach Santiago.