Memo aus Santiago de Compostela: Horden und Träume #7

Pilgermesser in der Kathedrale von Santiago de Compostela, Weihrauchkessel in der Mitte und Pilger, die ihn fotografieren

Die letzten fünf Etappen bis nach Santiago beginnen. Mit einer „Ibuprofeno rapid 400“ im Blut laufe ich in Sarria los. Es regnet, Pilgermassen auf der gesamten Strecke. Am Wegesrand steht eine Frau in einem mittelalterlichen Kostüm, sie sieht aus wie eine Hexe. Für zwei Euro verkauft ihr Mann daneben Wachsstempel für die Pilgerausweise. Ab Sarria braucht man jeden Tag zwei Stempel, damit man die Compostela — die Pilgerurkunde — abholen darf. Die Stempel bekommt man in Cafés, Restaurants, Unterkünften oder eben unterwegs aus Wachs. Mein Heft wurde heute schon gestempelt, den zweiten gibt’s in der Unterkunft.

In einem kleinen Dorf läuft laute Partymusik in einem Biergarten, die Leute trinken und singen mit. Der Pilgerweg hat sich plötzlich in einen Freizeitpark und Zirkus verwandelt. Unterwegs grüßen sich die Pilger nicht mehr so häufig, wie ich es gewohnt bin. Wie denn auch bei so vielen Gesichtern, die man sich nicht merken kann. Nach einer Pinkelpause muss ich eine geeignete Stelle abwarten, um mich wieder in der Horde einzureihen, wie bei der Auffahrt einer Autobahn im Berufsverkehr.

Santiago rückt Tag für Tag ein Stück näher und dann steht die letzte Etappe an — die letzten 19 Kilometer. Draußen regnet es wieder. Vor Santiago de Compostela kommt man auf einen Hügel, auf dem die meisten Pause machen, deshalb gehe ich weiter und hänge die Horde guten Gewissens ab. Der Regen hört auf und die Stadt Santiago de Compostela beginnt. Gespannt folge ich der „Rúa das Casas Reais“ aus Kopfsteinpflaster durch die Altstadt. Dudelsackmusik begleitet mich. Ich gehe die Treppen runter durch das Tor und stehe auf dem „Praza do Obradoiro“ vor der „Catedral de Santiago de Compostela“. Der große Platz ist gefüllt mit Pilgern wie mir, vor mir, die Kathedrale — endlich. Was macht das mit mir? Ich erwarte Tränen, Freude oder so etwas ähnliches. Doch irgendwie fühle ich nichts, außer Erleichterung und frage mich: Was jetzt?

Am nächsten Abend besuche ich die Pilgermesse. Der große Weihrauchkessel hängt in der Mitte. Die Kirche ist voll, ich stehe ganz hinten und verfolge gespannt das Geschehen. Anders als in den Kirchen, die ich kenne, ist der Altar zentral platziert, links und rechts davon die Bänke für die Gläubigen und Ungläubigen. Fotografieren ist verboten, aber die Sicherheitsleute erwischen ständig welche, die es heimlich versuchen. Beim Friedensgruß schütteln mir fremde Menschen die Hand. Und dann: Der Weihrauchkessel fliegt durch die Kirche, fotografieren ist jetzt erlaubt. Vor mir ein Meer aus Smartphones, der Geruch von Weihrauch erreicht meine Nase.

Die letzten sechs Wochen und zwei Tage laufen als Kurzfilm in meinen Gedanken ab. Eine Erleuchtung, die auf einmal da war, hatte ich nicht. Ich habe nicht das bekommen, was ich wollte, sondern das, was ich brauchte — jemand scheint mich da gut zu kennen. Und ich hatte genug Zeit, das zu tun, was mir am meisten Freude bereitet: Meine Erlebnisse zu dokumentieren.